A story and a character: Bring me to life – Von der Charaktererstellung

Dieser Artikel ist Teil des Blog-Karnevals im Monat April mit dem Thema „Im Mutterleib“, begonnen von d6ideas

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Eigentlich wollte ich ja die Kategorie „A story and a character“ für Charakterporträts aller Art nutzen, aber da sich Ceallan Sturmfeuer offensichtlich immer noch dagegen sträubt, aus meiner Feder zu fliessen (ich vermute, er nimmt mir den Druiden-Eintrag übel als Oberster „Druide“ ;)), ist mir spontan die Idee gekommen, mich mit einem Kernthema des Rollenspiels und des Schreibens zu beschäftigen: Dem Charakter.

Streichen wir mal die Pre-Gens, die man auf Cons oder in Spontanrunden erhält, und betrachten wir den eigenen Charakter für eine länger geplante Runde oder eine Kampagne, die über zwei oder mehr Abende gehen. (Ich nehme One-Shots bewusst mit auf, da beispielsweise auf den Tanelorn-Treffen auch „nur“ One-Shots gespielt werden, aber die Charaktere schon lange im Vorfeld vorbereitet werden).

Am Anfang ist da eine Idee. Das Setting wurde vorgegeben, Fantasy, Science-Fiction in einer seiner Spielarten oder Horror, und vielleicht auch ein paar Eckdaten, wo es hingehen soll. Die Gruppe trifft sich, und spricht sich ab, oder aber der Spieler möchte einen neuen Charakter in eine bestehende Kampagne einfügen. Die Gruppenerschaffung mit allen Spielern hat den Vorteil, dass ein steter Ideenaustausch stattfindet, und Spieler, die vielleicht noch überhaupt nicht wissen, was sie spielen möchten, von der Begeisterung der anderen angesteckt werden.

Der Charakterbau „im stillen Kämmerlein“ hat dagegen natürlich den Nachteil, dass es keine anderen Ideengeber ausser der eigenen Fantasie gibt. Aber genau das ist auch der Vorteil dieser Erschaffung: Niemand redet einem rein, man kann ganz allein überlegen, welchen Hintergrund der Charakter hat, ob er männlich oder weiblich ist, welcher Subspezies er angehört und so weiter. Anschliessend kann man sich daran machen, den Reifeprozess weiterzuführen, und die Attribute, Fähigkeiten, Eigenschaften, Talente oder andere regeltechnische Ausprägungen des Charakters aussuchen. Ist er klein und schmächtig? Dann wird es wenig Punkte in einem Stärke-Wert geben. Ein armer Schlucker, der sich sein Tagewerk durch Gaunereien und Taschenspielertricks verdient, ist geschickt, aber selten gerne bei Hofe gesehen. Also müssen die Punkte auch so verteilt werden, wie es zu dem Kind, sprich, dem Charakter passen würde.

Auch bei der zweiten Form der Charaktererschaffung darf eins nicht außer Acht gelassen werden: Das Kind muss in die Familie, also die Spielgruppe, passen. Denn spätestens in dem Moment, wo ein Ork inmitten einer Elfengruppe auftaucht, dürfte das Geschrei groß sein…

Übertragen auf das Schreiben geht die Charaktererschaffung – zumindest bei mir – ein wenig anders vor. Auch wenn ich Rollenspielcharaktere entwerfe, ist meistens die Idee da (wie oben beschrieben), und anschliessend wird der Charakter mit den Werten quasi unterfüttert. Manchmal ändert sich die Idee beim Bauen, wie bei Emily, meiner SR3-KiAd. Beim Bau kristallisierte sich immer mehr heraus, dass sie eine kleine Punkgöre ist, die die halbe Stadt kennt, und nicht das niedliche Mädchen, dass ein wenig irre kichernd mit einer grossen Wumme rumrennt und Leute umlegt. Aber so, wie sie schließlich (nach einem ganzen Nachmittag Charakterbau) aussah, mit ihrem Hintergrund und allen Werten, war sie rund und ein dreidimensionaler Mensch.

Das ist etwas, was, wie ich finde, auch wichtig ist; sowohl beim Schreiben als auch beim Rollenspiel: Echte Typen zu erschaffen, und keine Abziehbilder. Ich mag Charaktere mit einem Bruch in ihrer Biographie, die etwas erlebt haben, die eine Geschichte haben. Nichts ist schlimmer als eine Welt, in der die Charaktere nur schwarz-weiss sind, oder ein Bösewicht ohne Motivation. Meinen ersten Roman habe ich aus genau diesem Grund direkt nach Fertigstellung in den Schrank verbannt, da die Guten „gut“ waren (aber wirklich so gut, dass sie klinisch rein waren) und die Bösen „böse“. Bei einem Workshop für kreatives Schreiben habe ich dann die weibliche Hauptperson wieder ausgepackt, und auch gesagt, was mir an ihr nicht gefallen hat. Die Workshopleiterin hatte dann den Vorschlag, dass sie ein bestimmtes Merkmal haben könnte. Als Nachfahrin eines Elfenvolks bekam sie dann spitze Ohren verpasst, in einer stark frühmittelalterlich geprägten Welt nicht unbedingt etwas, was man als Segen für ein Kind ansieht. Plötzlich konnte ich mich mit ihr anfreunden, plötzlich war sie rund und stand als dreidimensionale Person vor meinem geistigen Auge.

Ebenso der Schurke. In der ersten Fassung ein Comicheld par excellence, der „König an Stelle des Königs“ werden will und kein Klischee ausgelassen hat. Ich gebe zu, ich war 15, und ich hatte außer dem „Herrn der Ringe“ noch kein nennenswertes Fantasywerk gelesen, aber das rechtfertigt keine Trickfilmschurken. In der neuen Fassung bekam er eine Motivation, und noch einen Erzschurken dazu.

James N. Frey empfiehlt in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ (Emons, 1997), einen kleinen Aufsatz über seine Charaktere zu schreiben, eine Art Kurzbiographie. Auch für längere Rollenspielkampagnen ein empfehlenswerter Ansatz (außer vielleicht, man spielt „Rein in den Dungeon – Monster hauen – Raus aus dem Dungeon“. Da will ich kein Charakterspiel, das wäre wie im Dschungel über seine Gefühle diskutieren, während die Rebellen hinter einem her sind)

Ich habe festgestellt, dass mir diese Methode nur bedingt hilft. Manche Charaktere sind bereits in meinem Kopf vorhanden, dann muss ich ihre Biographie nicht aufschreiben, das bindet nur unnötig Ressourcen, die ich in die fertige Geschichte stecken kann. Bei einigen hat es mir geholfen, ihnen näher zu kommen, und festzustellen, dass sie gar nicht so sind, wie ich dachte (wie auch bei der Ki-Adeptin), aber manche Charaktere kann ich nicht greifen, weil sie sich mir entziehen, genau wie man im echten Leben auch manchmal Menschen kennenlernt, die einem zwar sympathisch sind, zu denen man aber irgendwie keinen rechten Draht findet.

Interessanterweise gab es einen Charakter, der mir nach dem Verfassen seiner Kurzbiographie eher unsympathisch wurde, weil er Ansichten hatte, die ich niemals teilen würde, die aber zur Welt und zu seiner Motivation passten.

Um noch eine Assoziation zum Thema „Im Mutterleib“ und Schwangerschaft zu haben: Wichtig ist auch der richtige Name.

Nichts ist schlimmer, als wenn der Wunsch nach Individualität durchschlägt, und der Charakter mit einem langen Namen herumläuft, der aber albern klingt, den keiner aussprechen kann und der so ständig Spitznamen verpasst bekommt. Einfallslose Spieler nennen ihre Charaktere dann gerne auch mal Sandolas (ist schliesslich ein Sandelf) oder suchen ihre Inspiration in der Fantasyliteratur und Filmen. Ich halte diese Methode für wenig geeignet, denn ich habe ein bestimmtes Bild vor Augen bei diesen Namen, und auch die beste Charakterbeschreibung wird daran nichts ändern können.

Und es gibt wenig schlimmeres, als wenn der Testleser bei einem Namen, den man über Jahre gehegt und gepflegt hat, mit dem man sich richtig Mühe gegeben hat, lauthals loslacht und fragt, was das denn für ein alberner Name sei..

Dann doch lieber einschlägige Namenswebseiten oder Bücher konsultieren, aber über Namen könnte ich noch einen ganz eigenen Artikel schreiben, und das ist nicht das Thema dieses Karnevals. In diesem Sinne: Viel Spaß bei der nächsten Charaktererschaffung!

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter A story and a character, Allgemein, Rollenspiel, Schreiben

Eine Antwort zu “A story and a character: Bring me to life – Von der Charaktererstellung

  1. Guter Artikel!

    Für Namen benutzt ich mittlerweile zumindest bei urbanen Settings den http://de.fakenamegenerator.com und klick so lange bis mir ein Name passend erscheint.

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